Versuch einer Gleitschirm SM 2010 in Grindelwald

 

Von Bruno Rupp

 

13.06.2010 / Dass Petrus bockig tun kann, wenn die Tächi in Grindelwald einen Gleitschirmwettkampf ansagen, haben wir schon mehrmals erfahren. So war es an der SM 2002, die ganz abgesagt werden musste, so war es am PWC 2008, an dem nur zwei bescheidene Läufe geflogen werden konnten und das Potential des grandiosen Fluggebietes bei weitem nicht ausgeschöpft werden konnte. Schwacher Trost: Flims kennt das gleiche Problem: die SM 2008 war in Flims ausgeschrieben, musste aber wetterbedingt nach Fiesch verlegt werden. 2009 wurden in Flims zwar zwei Läufe ausgetragen, die aber zusammen zu wenig Punkte für eine gültige SM ergaben. Fiesch organisierte erfolgreich den Ersatz. Was machen unsere Kollegen in Fiesch besser als wir? "Fiesch geit immer"!

 

Donnerstag, der erste geplante Wettkampftag der diesjährigen SM in Grindelwald, fiel schon mal einem kräftigen Föhnsturm zum Opfer. Dieser hatte sich so deutlich angemeldet, dass alle Wettkampfpiloten rechtzeitig informiert werden konnten: "Thursday cancelled. Next Info for Friday-Sunday:Tomorrow Evening. Friday is difficult to make a prognosis. The Weekend looks not so bad."

 

Schlimmer noch als der für Donnerstag angesagte Föhnsturm wirkte sich ein Startunfall des OK-Präsidenten Urs Dubach am Sonntag vor der Wettkampfwoche aus: Fussgelenk gebrochen, Spital. Die Jungfrau-Tächi haben Glück im Unglück, Beni Kaufmann springt in die Lücke und übernimmt das Amt des Wettkampfchefs. Gute Besserung, Dubi! Schwacher Trost: Mit Dubis Unfall und dem Föhnsturm haben wir hoffentlich das Strübste hinter uns, jetzt kann es ja nur noch besser werden. Alain motiviert die Helfer: "Wir rechnen mit Tasks Freitag – Sonntag! Bitte Freitag ab 07.45 zum Einschreiben Firstbahn Tal! Schirm mitnehmen! Gruss Alain".

 

Und es kommt sogar noch viel besser: am Donnerstag Abend erhalte ich ein weiteres SMS: "Hallo Bruno, hättest du morgen oder am Samstag Lust mit mir am Tandem an der SM in Gwd mitzufliegen? Gruss Chrigel". Wer würde ein solches Angebot ablehnen "nein danke, keine Lust ... "? Ich jedenfalls war begeistert und antwortete Chrigel Maurer sofort, dass ich gerne dabei sein werde, je nachdem, was mein Einsatz als Helfer sei. Erst eine Weile, nachdem ich meine Antwort an Chrigel abgeschickt hatte, wurde mir klar, dass er wahrscheinlich den Empfänger falsch gewählt hatte und dass seine Einladung wohl eher dem Reporter und Fotografen Bruno Petroni gegolten hatte als mir. Na ja, das werden wir morgen beim Einschreiben klären.

 

Am Freitag sehe ich auf der Reise nach Grindelwald, dass die Lütschine nach dem starken Föhn und der hohen Nullgradgrenze der letzten Tage ihr Bachbett mit sehr viel Schmelzwasser füllt und beige-grau durch das Tal hinunter schäumt. Ab 8h kommen die Piloten zum Einschreiben. Ich frage Chrigel, ob er irrtümlich ein SMS an mich geschickt habe, das für den anderen Bruno bestimmt gewesen sei und bin erstaunt, als er sein Angebot wiederholt: ob ich am Tandem mitfliegen wolle? Jetzt wird es also ernst! Sofort abklären, was mein Job nach dem Einschreiben sein wird, und fragen, ob ich Chrigels Angebot annehmen könne. Alain, der die Helfer eingeteilt hat und Elizabeth, die das Wettkampfbüro leitet, geben grünes Licht. Ich sage Chrigel zu, und mein Schirm bleibt im Tal.

 


Chrigel Maurer bereitet seinen Tandempassagier vor.

 

Wettkampfflug am Tandem mit Chrigel Maurer

Das Briefing spiegelt die schwierige Wetterlage. Mehrmals wird der Task umgestaltet, Bojen gewechselt, Radien verändert. Schliesslich gibt Martin Scheel um 12h10 den Start frei, Luftstart 12h30. Chrigel sieht, wie die früh Gestarteten alle absaufen und entschliesst sich, erst kurz vor dem Luftstart abzuheben. Kaum sind wir in der Luft, reisst er den Schirm in eine scharfe Rechtskurve und ruft etwas. Erst jetzt sehe ich, dass unter uns ein Pilot am Boden liegt, der offenbar kurz nach dem Start abgestürzt und eventuell verletzt ist. "Philippe, geits guet, Philippe ischt alles in der Ornig?", fragt Chrigel beim Überfliegen. Philippe hebt den Arm, bewegt sich aber nur wenig. Erst als Chrigel sieht, dass die Starthelfer zu Philippe rennen, fliegt er weiter.

 

Überraschend versperrt uns jetzt eine Wolkenwand den Weg zum Startzylinder. Und als wir die umflogen haben, stellen wir fest, dass die vor uns Gestarteten in der Zwischenzeit flott Höhe gemacht haben. Das bringt Chrigel nicht aus der Ruhe. "Jetz miesse mer zerscht ou toll Höji mache", der Abstand zum Startzylinder und die Zeit bis zum Start interessieren ihn noch nicht. Aber toll Höji mache ist schneller gesagt als getan, denn die Thermik blubbert nur stellenweise und unzuverlässig. Was wir da gewonnen haben, verlieren wir in der nächsten Kurve wieder. Als das GPS das Zeichen zum Start piepst, machen wir uns zwar tief, aber rechtzeitig am rechten Ort auf den Weg zur ersten Boje "Burg" und holen sie.

 

Das Pilotenfeld ist deutlich zweigeteilt. Einige haben es geschafft, irgendwie und irgendwo über die Inversion auf 2000m zu steigen, die preschen jetzt Vollgas den Task ab. Mit vielen anderen sind wir unter der Inversion geblieben und kämpfen um Höhe. Ein Direktflug von der Burg zur zweiten Boje Gratschärm ist unmöglich, wir müssen unterwegs Höhe gewinnen. Wäre ich selber geflogen, hätte ich auf das Gelände geschaut und bei den kleinen Rippen am Hang Aufwind gesucht, denn die Rippen sind ja sicher von der einen oder halt von der anderen Seite angeströmt. Chrigel orientiert sich mehr an der Position der anderen Piloten, nach dem Motto "Thermik finde ich dort, wo die Schirme steigen".

 

Wir sind beide ziemlich erstaunt, als wir Schirme mit angelegten Ohren entdecken, die zur Talmitte fliegen. Am Landeplatz ist tatsächlich die Ziellinie zum L umgelegt worden, und das bedeutet, dass der Task gecancelled wurde. Also fliegen auch wir zum Landeplatz, brauchen die zäh erkämpfte Höhe für einige Wingovers. Der Talwind bläst kräftig. Chrigel kündigt an, dass er im Moment nach der Landung, sobald wir am Boden stehen, einen Frontklapper produzieren wird, damit uns der Schirm nicht rückwärts umreisst. Das wird dann aber gar nicht nötig, weil sofort Hilfe kommt und die Bremsleinen voll durchzieht, so dass der Schirm in sich zusammen fällt.

 

Von den Piloten, die über der Inversion bis auf 3000 m gestiegen sind, hören wir, dass sie gegen den Wind kaum mehr vorwärts gekommen sind, dass es schon happig geworden und dass der Entscheid, den Task abzubrechen, richtig gewesen sei. Philippe gehe es einigermassen, er sei zur Rückenkontrolle ins Spital gegangen. Dort habe sich herausgestellt, dass er zum Glück keine ernsthafte Verletzung erlitten habe.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auf dem Rücktransport im Shuttle-Bus vom Landeplatz zur Firstbahn scherzen wir, 2010 werde wohl zum dritten Mal in Folge die SM in Fiesch ausgetragen. Donnerstag verblasen, Freitag gecancelled... Aber noch bleiben zwei Tage für "unsere" SM 2010. Allerdings verspricht das Wetter nicht mehr viel, anfangs Woche hat die Prognose noch ganz anders ausgesehen!

 

Optimistisch schreibt Martin am Freitag auf der Homepage der Liga: "In der Nacht stürmte es noch - am frühen Morgen aber etwas Regen und viel Feuchtigkeit. Jetzt ist es in der unteren Schicht (die Wolken hängen auf etwa 2200m) ruhig und wir dürfen auf einen Durchgang hoffen." Bei sehr trübem Wetter überrascht mich Alains SMS am Freitag um 11 Uhr: "Es besteht mit dem Südwestwind noch immer eine Chance zu fliegen! Neuer Entscheid 12.30 Uhr".

 

Zweckoptimismus? Die Hoffnung stirbt zuletzt! Aber schliesslich hilft auch der allergrösste Optimismus nicht über eine verzwickte Wettersituation hinweg, und so kommt es, wie es kommen musste: "Alle Hoffnungen, dieses Wochenende einen gültigen Task zu fliegen sind zerschlagen! Die SM ist abgesagt. Vielen Dank für euren Einsatz!"

 

Die vorbereiteten Lunchpakete werden wieder ausgepackt, Alain telefoniert in die Hotels und bietet 15kg Brot, 18kg Bergkäse und 20 kg Äpfel zum Ankaufpreis und darunter an, um den finanziellen Schaden für den Club in Grenzen zu halten. Es gelingt uns tatsächlich, alle verderblichen Lebensmittel wieder zu verkaufen. Mit den Getränken werden wir am Clubfliegen den Frust weg spülen, auf die SM 2010 anstossen und uns daran erinnern, wie wir nach Dubis Unfall und dem Föhnsturm gehofft haben, dass es jetzt nur noch besser werden könne.

 

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